Absurditäten des Kirchensteuer(un)rechts

Die Geschichte, um die es im Folgenden geht, beschreibt der Betroffene, Thomas Bores, selber auf französisch hier, und eine deutsche Übersetzung kann hier nachgelesen werden. In kurz: seit 2014 wohnt Thomas Bores, Franzose, nicht religiös und Atheist, in Berlin, wo er arbeitet, sich im Bürgeramt angemeldet hat und Steuern zahlt. Im Januar 2015 wird er davon überrascht, dass das Finanzamt ihm über 500 Euro zusätzlich abzieht. Es stellt sich heraus, dass diese Summe eine Kirchensteuernachzahlung für das vergangene Jahr darstellt. Was hatte sich ereignet? Die Kirchensteuerstelle des Finanzamts in Berlin und das katholische Erzbistum Berlin hatten sich grenzübergreifend bei der Kirche in Thomas‘ Geburtsort erkundigt und sind doch tatsächlich auf einen Eintrag im Taufregister gestoßen. Eine Ungeheuerlichkeit, wenn man bedenkt, dass in Frankreich Kirche und Staat absolut voneinander getrennt sind, und jeder seine Taufe für den Unfug halten kann, der sie ist. Ich dachte also, ich frage auf dem kurzen Dienstweg – bei twitter – mal beim Erzbistum Berlin nach.

ErzbistumBerlintweet

Erstaunlicherweise antwortete das Erzbistum Berlin:

ErzbistumBerlintweet1

Das Erzbistum Berlin versteckt sich hinter der deutschen Gesetzeslage. Dabei ging es in meiner Frage gar nicht darum, was das Gesetz besagt, sondern um ganz normalen zwischenmenschlichen Anstand. Es ging mir um Respekt gegenüber der laizistischen Kultur Frankreichs. Staatliche Konsequenzen hat ein bisschen Wasser auf der Stirn eines Neugeborenen begleitet von magischen Worten in unserem Nachbarland keine. Es genügt sich selber zu sagen, dass man nicht katholisch ist. Man kann in Frankreich gar nicht staatlich aus der Kirche austreten. Von einer Institution, die sich gerne für ihre vermeintliche moralische Überlegenheit und damit für ihre vermeintliche Bedeutung für die Werte in unserer Gesellschaft rühmt, hätte ich deutlich mehr erwartet. Das schrieb ich ihnen also: ErzbistumBerlintweet2 Und falls sie das mit dem Anstand nicht verstehen, hab ich es gleich nochmal präzisiert:

ErzbistumBerlintweet3

Kurzfristig macht der folgende tweet Mut

ErzbistumBerlintweet4

Und ermutigt mich zum Nachfragen.

ErzbistumBerlintweet5Aber zum Schutz der Persönlichkeitsrechte, möchte das Erzbistum Berlin nicht weiter antworten, was es auch gleich an den Betroffenen, der sich in die Diskussion eingeschaltet hatte, schickt.

ErzbistumBerlintweet6Persönlichkeitsrechte sind übrigens das, was der Kirche sch***egal war, als sie sich die Tauflisten aus dem Heimatort von Thomas Bores besorgt hat.

Im Grunde genommen rechtfertigt die katholische Kirche ihre Privilegien, wie den staatlichen Einzug der Kirchensteuer, durch ihre Bedeutung für Moral und Werte. Gleichzeitig treibt sie aus Gier genau diese Kirchensteuer auf hinterhältigste Weise ein. Aber was sage ich? Dass unsere Gesellschaften und vor allem wir Menschen viel moralischer sind als diese Kirche, dürfte eigentlich jedem längst bewusst sein.

Übrigens gibt es seit kurzem eine Petition im Internet, die das Erzbistum Berlin auffordert Thomas Bores die eingezogene Kirchensteuer zurückzuzahlen. Auch wenn der Petitionstext vielleicht nicht in allen Details ausgereift ist, lohnt es sich doch zu unterschreiben!

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6 Gedanken zu „Absurditäten des Kirchensteuer(un)rechts

  1. Ich muss kurz nachfragen, in D ist es so, das jeder, auch Menschen ohne Bekenntnis die Kirchensteuer zahlen müssen, oder? Da ich aus Österreich komme, weis ich es nämlich nicht, sondern kann mich nur auf Hörensagen stützen.
    Hier ist es so das man mit Austritt auch die Kirchensteuer los ist. Die Regelung in Deutschland (wenn ich überhaupt mit meiner Vermutung richtig liege) ist eine Frechheit.
    Jedenfalls bin ich gleich nach Erhalt des ersten Zahlscheines ausgetreten. Einen LOHNZETTEL sollte ich ihnen auch noch zuschicken damit sie ganz genau berechnen können, wie viel sie mir abnehmen können.
    Bei meiner Tante wurde die Kirchensteuer gleich mal um 100euro nach obengeschraubt (auf 200) nachdem ihr Mann gestorben war. Die Begründung: Aber Sie bekommen ja jetzt Witwenrente! (Anmerkung: So viel hat die Rente nicht mal ausgemacht und meine Tante war immer Hausfrau, aber ja.. die Kirche meint jetzt ist sie Witwe, jetzt schwimmt sie in Kohle…)

    Auf jedenfall handelt die Kirche auf dem Gebiet ohne Maß und Ziel. Sie sind sich wenns ums Geld geht schon immer selbst die Nächsten gewesen.

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    • Danke für Deinen Kommentar! Prinzipiell ist es in Deutschland auch so, dass man mit dem Austritt aus der Kirche keine Kirchensteuer mehr zahlen muss. Es gibt aber so einige Tücken. In manchen Bundesländern gibt es das sogenannte ‚Kirchgeld‘, das von Menschen ohne Bekenntnis gezahlt werden muss, wenn sie mit einem Kirchenmitglied verheiratet sind, das weniger verdient als sie. Das hängt mit der komplizierten deutschen Steuerberechnung zusammen, bedeutet aber im Endeffekt, dass Nichtkirchenmitglieder Geld an die Kirche zahlen müssen. Ein weiterer Trick der Kirche, anscheinend besonders in Berlin, ist es nachzuforschen, ob Leute, die angeben nicht in der Kirche zu sein, ursprünglich getauft wurden. Wenn ja, dann müssen sie Kirchensteuer (nach)zahlen oder nachweisen, dass sie ausgetreten sind. Wer beispielsweise in einer anderen Stadt ausgetreten ist, muss dann die Austrittsbescheinigung vorzeigen. Alleine die Tatsache, dass auf bisherigen Lohnsteuerkarten keine Religion eingetragen war, genügt nicht als Nachweis. Findet man also die Austrittsbescheinigung nicht mehr, dann muss man erneut austreten und die Kirchensteuer nachzahlen für den gesamten Zeitraum, den man in Berlin gemeldet war und noch nicht wusste, das die Kirche einem nachstellt. (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/recht-steuern/fiskus-verlangt-bescheinigungen-kirchenaustritt-kann-teuer-werden-1597032.html)
      Ähnlich erging es Thomas in diesem Fall, der in Frankreich nicht mal austreten konnte, selbst wenn er gewollt hätte, da die Taufe dort ja vernünftigerweise keinerlei Konsequenzen hat.
      Das mit Deiner Tante ist ja auch dreist. Damit schafft es die Kirche auch Leute abzuschrecken, die ansonsten vielleicht gar keine Austrittsgedanken hätten.

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